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Neurofeedback bei Depression

Depressionen zählen neben den Angsterkrankungen zu den häufigsten psychischen Störungen. Repräsentativen Studien zufolge leiden ca. 8% der deutschen Bevölkerung unter einer depressiven Störung, wobei Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer (Jacobi et al., 2004).

Depression

Gefühle von Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Zweifel und Unsicherheit stellen eine natürliche Facette des menschlichen Gefühlsspektrums dar. Zur Erkrankung führen diese Gefühle erst, wenn sie zu lang andauern oder zu intensiv auftreten und die eigene Lebensführung erheblich beeinträchtigen. Meist leiden Personen dauerhaft unter depressiver Verstimmung, Antriebslosigkeit und weniger Interesse an Aktivitäten. Zudem treten in den meisten Fällen Konzentrations- und Entscheidungsunfähigkeit, Müdigkeit und Schlafstörungen auf. Körperliche Empfindungen und Schmerzzustände können sich unter dem Einfluss einer Depression intensivieren. Die zahlreichen Symptome, in denen eine Depression zum Ausdruck kommen kann, erschweren es häufig beruflichen und sozialen Anforderungen adäquat nachzukommen, führen zu sozialem Rückzug und provozieren eine angstbehaftete Vorstellung der eigenen Zukunft. Gefühle von Schuld, Wertlosigkeit oder gar Gedanken an den eigenen Tod stellen im Verlauf einer Depression keine Seltenheit dar.

Neurophysiologische Grundlage der Behandlung

Neben der Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung bietet die Psychotherapie ein breites Spektrum an Therapiemethoden. Innerhalb der Verhaltenstherapie stellt das Neurofeedback ein Verfahren dar, Einsicht in den Zusammenhang zwischen Stimmung, Denken und Handeln zu erhalten und über die Aktivierung ausgewählter Hirnregionen eine Verbesserung der depressiven Symptomatik zu erreichen. Emotionsforscher (z.B. Davidson, 1998) gehen davon aus, dass depressive Befindlichkeitsstörungen, also das verminderte Erleben angenehmer Gefühle wie z.B. Stolz und Enthusiasmus, mit einer verminderten Aktivität von Regionen im linken Frontalhirn in Verbindung stehen. Eine erhöhte Aktivität rechtsfrontaler Hirnregionen dagegen verstärkt das Erleben negativer Gefühle und damit einhergehendem Rückzugs- und Vermeidungsverhalten. Dieses, in der Wissenschaft als sog. "frontale Asymmetrie" bezeichnete Ungleichgewicht der Gehirnaktivität, beeinflusst damit die bei Depressionen eingeschränkte Gefühls- und Informationsverarbeitung.

Neurofeedback

Aktivität der linken Hirnhemisphäre. Die violette Färbung der frontalen Region verdeutlicht eine verringerte Aktivität dieser Hirnregionen bei depressiven Störungen (Abb. aus Pizzagalli et al., 2002).

Die violette Färbung der frontalen Region verdeutlicht eine verringerte Aktivität dieser Hirnregionen bei depressiven Störungen (Abb. aus Pizzagalli et al., 2002). In zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen konnte dieser neurophysiologische Zusammenhang bei Depressionen nachgewiesen werden (vgl. z.B. Gotlib et al., 1998). Die Regionen innerhalb des Frontalhirns weisen starke Verbindungen zu tiefer im Gehirn gelegenen Hirnstrukturen auf, welche für die Regulation von Gefühlen verantwortlich sind. Mithilfe des Neurofeedback kann der Patient schließlich Einfluss auf die Aktivität seines eigenen Emotionsnetzwerkes nehmen (vgl. z.B. Davidson, 2002; Drevets et al., 1997). Durch ein spezielles Trainings lernt der Patient eigene Strategien zur Regulation dieser sonst unbewusst ablaufenden Prozesse zu erforschen.

Neurofeedbacktraining

Grundlage des Trainings stellt die Ableitung und Wiedergabe der Hirnaktivität des Frontalhirns dar. Die Abbildung gibt ein Beispiel für eine EEG-Signalableitung.

Frontalcortex Depression
EEG-Ableitung der frontalen Hirnaktivität an der Schädeloberfläche.

EEG Depression
Das resultierende EEG-Signal auf dem Computerbildschirm.

Die Trainingsaufgabe, die eigenen Hirnwellen zu beeinflussen, erscheint zunächst schwierig. Durch kontinuierliches Üben und Ausprobieren von individuellen Strategien (z.B. Gedanken, Entspannung, Konzentration) gelingt dies jedoch zunehmend besser. Die folgende Abbildung zeigt das Prinzip:

Ampel Grün

Die EEG-Signalableitung (obere Abbildungen) wird zu Trainingszwecken mithilfe einer Ampel dargestellt. Die grüne Farbe der Ampeldarstellung verdeutlicht stark vereinfacht eine als "günstig" angesehene Hirnaktivität. Dabei erfolgt eine "Belohnung" des Gehirns dahingehend, dass unter dieser Bedingung (Ampel grün) ein visuelles Feedback (z.B. eine Filmsequenz) gegeben wird. Das Gehirn "lernt" so nach und nach, dass es für "günstige" Hirnwellen belohnt wird.

Zeitlicher Umfang

Neurofeedback beruht auf Lernprozessen. Da diese bei jedem Menschen unterschiedlich verlaufen und zudem abhängig von Tagesform, Stimmungslage und Schwere der depressiven Symptomatik sind, gibt es keine verbindliche Festlegung, wieviele Trainingssitzungen notwendig sind. Um effektiv trainieren zu können, sollten jedoch nicht weniger als 15 Sitzungen durchgeführt werden. Eine Trainingssitzung dauert ca. 50 Minuten.

Erfolge der Behandlung

Zur Behandlung von Depressionen mittels Neurofeedback sind bislang keine Nebenwirkungen bekannt. Milde Therapiebegleiterscheinungen, wie Müdigkeit oder leichter Kopfschmerz können durch erhöhte Trainingskonzentration bedingt sein, lösen sich jedoch schnell wieder auf. Bei der Anwendung des Trainings konnten bisher eine Vermindungerung von Angst- und Grübelzuständen, eine Erhöhung und Stabilisierung der Konzentrationsfähigkeit sowie eine verbesserte Grundstimmung nachgewiesen werden (vgl. z.B. Baehr et al., 1999, Allen et al., 2001). In einem Projekt unserer Praxis in Kooperation mit der TU Dresden (2007) wurden die spezifischen Effekte dieses Trainings untersucht. Dabei zeigte sich eine Verbesserung der depressiven Symptomatik insbesondere in einer gesteigerten Entspannungsfähigkeit, erhöhtem Konzentrationsvermögen sowie einer allgemeinen Befindensverbesserung, Stimmungsaufhellung und Antriebssteigerung. Innere Unruhe und Grübelzustände konnten gemindert werden.

Wissenschaftliche Fundierung

Die Behandlung von Depressionen mittels Neurofeedback fällt zum gegenwärtigen Stand der Forschung in Stufe Zwei von fünf Wirksamkeitsstufen. In diesem Sinne gilt diese Therapiemethode als "möglicherweise effektiv, aber noch nicht hinreichend untersucht" (vgl. Baskin et al., 2004). Diese Einordnung des Verfahrens verdeutlicht die Aktualität dieser Therapiemethode, welche zunehmend im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen steht. Bisherige Studien geben vielversprechende Hinweise auf die Effektivität des Trainings bei der Behandlung depressiver Störungen.

Literatur und Quellnachweise

Text: Sabine Schneider und Reiner Kroymann. Wenn nicht anders erwähnt, stammen die Abbildungen und Fotos von Reiner Kroymann.

Für Patienten

Hautzinger, M. (2006) Ratgeber Depression. Informationen für Betroffene und Angehörige. Göttingen: Hogrefe.

Für Interessierte, Therapeuten und Forscher

Allen, J.B., Harmon-Jones, E. & Cavender, J.H. (2001). Manipulation of frontal EEG asymmetry through biofeedback alters self-reported emotional responses and facial EMG. Psychophysiology, 38, 685-693.

Baehr, E., Rosenfeld, J.P., Baehr, R. & Earnest, C. (1999). Clinical Use of an Alpha Asymmetry Neurofeeback Protocol in the Treatment of Mood Disorders. In J.R. Evans & A. Abarbanel, (eds.), Introduction to Quantitative EEG and Neurofeedback. San Diego: Academic Press.

Baskin, S.M., Kirk, L.P., Lehrer, P.M., Lubar, J.F. & LaVaque, T. (2004). Acknowledgements-2004 Edition. In: C. Yucha & C. Gilbert (2004). Evidence- based practice in biofeedback and neurofeedback. Wheat Ridge, CO: Association for Applied Psychophysiology and Biofeedback.

Davidson, R.J. (2002). Anxiety and Affective Style: Role of Prefrontal Cortex and Amygdala. Biological Psychiatry, 51, 68-80.

Davidson, R.J. (1998a). Affective Style and Affective Disorders: Perspectives from Affective Neuroscience. Cognition and Emotion, 12(3), 307-330.

Drevets, W.C., Price, J.R., Simpson, J.R. Jr., Todd, R.D., Reich, T., Vannier, M.& Raichle, M.E. (1997). Subgenual prefrontal cortex abnormalities in mood disorders. Nature, 386, 824-827.

Pizzagalli, D. Nitschke, J.B., Oakes, T.R., Hendrick, A.M., Horras, K.A., Larson, Ch.L., Abercrombie, H.C., Schaefer, S.M., Koger, J.V., Benca, R.M., Pascual- Marqui, R.D. & Davidson, R.J. (2002). Brain Electrical Tomography in Depression: The Importance of Symptom Severity, Anxiety and Melancholic Features. Biological Psychiatry, 52, 73-85.

Links

Organisationen Deutsche Gesellschaft für Biofeedback: www.dgbfb.de

Association of Applied Psychophysiology and Biofeedback: www.aapb.org

International Society for Neurofeedback and Research: www.isnr.org

Selbsthilfegruppen

Kompetenznetz-Depression: www.kompetenznetz-depression.de

Deutsches Bündnis gegen Depression e.V.: www.buendnis-depression.de

Informationen zu Depressionen (Firma Merz-Pharma): www.depressionen-verstehen.de