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Biofeedback bei Migräne

Bei der Migräne handelt es sich um meist einseitige pulsierende, anfallsartige Schmerzen von mittlerer bis starker Intensität mit einer Dauer von 4 bis 72 Stunden. Begleitsymptome können dabei Übelkeit, Erbrechen und/oder eine besondere Licht-, Geruchs- und Geräuschempfindlichkeit sein.
Auslöser der Migräneattacken können Stressbelastungen, bestimmte Nahrungsmittel oder auch die hormonelle Situation (z. B. prämenstruelle Zyklusphase) sein.

Kopfschmerz

Migräne mit Aura

Dem Migräneschmerz können neurologische Ausfallerscheinungen vorausgehen. Man spricht dann von einer Migräne mit Aura. Dabei handelt es sich häufig um Sehstörungen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle in Armen und Beinen, manchmal auch Sprech- und Sprachstörungen. Diese Ausfallsymptome entwickeln sich in der Regel 10 bis 60 Minuten vor den Kopfschmerzen und halten weniger als eine Stunde an. Die oben genannten migränetypischen Symptome treten im Anschluss, das heißt nach Abklingen der Ausfallerscheinungen auf.

Körperlicher Ablauf

Trotz starker Forschungsbemühungen in den letzten Jahrzehnten sind die Ursachen für den Migräneschmerz noch nicht vollständig geklärt. "Nach neueren Erkenntnissen erhöht sich bei einem Migräneanfall die Aktivität v. a. im Ursprungsgebiet des Trigeminusnervs [das ist der fünfte Hirnnerv, der das Gesicht versorgt]. Als Folge davon erweitern sich die Blutgefäße im Gehirn und in der Hirnhaut. Zusätzlich werden Transmitter (v.a. Neuropeptide) [d.h. Botenstoffe] freigesetzt, die Mikroentzündungen auslösen (z.B. Substanz P) ". (Schandry, 2006, Ergänzungen in eckigen Klammern vom Autor)
Man geht davon aus, dass bei den Menschen, die unter Migräne leiden, eine Verengung (Vasokonstriktion) der Blutgefäße des Kopfes auftritt. Dabei kann es zu den Sehstörungen und anderen Ausfällen kommen, da bestimmte Gehirnbereiche mit zu wenig Sauerstoff versorgt werden.
Nach einiger Zeit kommt es dann zu einer starken Über-Dehnung der Arterien (Vasodilatation, siehe Abb. 1).

Schmerzsensoren in den Wänden der Blutgefäße reagieren auf die starke Dehnung. Dies bewirkt den typischen anfallsartigen, pulsierenden oder pochenden Schmerz. Weitere biochemische Stoffwechselvorgänge lassen die Schmerzsensoren noch empfindlicher und damit den Schmerz noch stärker werden.

Vasokonstriktionstraining

Beim Vasokonstriktionstraning wird der Durchmesser der Schläfenarterie mit einem Blutvolumenpulssensor abgeleitet (siehe Abb. 2 und 3).Der Durchmesser der Arterie wird dann zum Beispiel als Kreis über einem Computer-Bildschirm rückgemeldet. Ist die Arterie relativ eng, ist der Durchmesser des Kreises klein, weitet sich die Arterie, wird der Durchmesser des Kreises größer. (Die Abb. 4 zeigt die willentliche Vasokonstriktion der Schläfenarterie einer Migränepatientin)

Temporalis
(Abb. 2: Temporalisarterie - 2)

Über diese Rückmeldung kann der Patient lernen, den Dehnungszustand seiner Blutgefäße willentlich zu beeinflussen und eine Verengung oder Erweiterung seiner Schläfenarterie herbeiführen.

Diese Aufgabe ist nicht so leicht, wie es aussieht. Zunächst muss der Patient überhaupt herausfinden, wodurch er den Kreis enger machen kann. Es hat sich bewährt, dabei mit bestimmten Vorstellungsbildern zu arbeiten, z.B. am Ufer eines Flusses in Richtung Quelle zu gehen (der Fluß wird schmaler, Vasokonstriktion) oder Richtung Fluss-Delta zu laufen (der Fluß wird breiter, Vasodilatation).

Die Methoden, wodurch dies erreicht wird, sind von Person zu Person unterschiedlich, die unmittelbare Rückmeldung ermöglicht aber eine schnelle und effektive Überprüfung der jeweiligen Strategie. Wichtig ist, dass der Patient mit fortschreitendem Training lernt, die Verengung seiner Temporalis-Arterie auch ohne Computer-Rückmeldung herbeizuführen. Das Ziel des Trainings ist, bei den ersten Anzeichen eines beginnenden Migräneanfalls den negativen körperlichen Abläufen der Migräne schnell und zuverlässig entgegenzusteuern und so einen Anfall zu verhindern oder zumindest deutlich zu verkürzen.

Zeitlicher Umfang

Klinische Erfahrungen zeigen, dass Patienten ca. 8-12 Sitzungen benötigen, um den Wechsel zwischen Erweiterung und Verengung der Arterien zuverlässig zu erlernen. Die Dauer einer Sitzung beträgt ca. 30 bis 50 Minuten. Zumeist wird das Vasokonstriktionstraining in einen verhaltenstherapeutischen Behandlungsplan eingebettet, der auch Stressbewältigung, Entspannungstraining und kognitive Verhaltenstherapie beinhaltet.

Wissenschaftliche Fundierung

In mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass das Vasokonstriktionstraining die Dauer, Intensität und Häufigkeit von Migräneanfällen signifikant verändert. Eine Reduktion der Kopfschmerzaktivität um mindestens 50% erreichen nach Erkenntnissen aus Studien und nach eigener klinischer Erfahrung ca. zwei Drittel der Patienten (siehe dazu Heuser et al., 2006). Damit ist die Anwendung von Biofeedback bei Migräne sehr effektiv. Sie ist im Kurzzeiteffekt mit anderen medikamentösen oder somatischen Therapien vergleichbar, langfristig zeigen sich sogar stabilere Effekte als bei diesen (Bischoff et al., 2004, Nestoriuc & Nanke, 2007).

Literatur und Quellennachweise

Die Abbildungen wurden teilweise aus dem Buch von Basler und Kröner-Herwig (1998) entnommen und grafisch überarbeitet. Alle anderen Grafiken und Fotos stammen von R. Kroymann.

Für Patienten:

Bischoff, C; Traue, H.C. (2005) Ratgeber Kopfschmerz. Informationen für Betroffene und Angehörige. Göttingen: Hogrefe.

Göbel, H. (2004). Erfolgreich gegen Kopfschmerzen und Migräne. Berlin: Springer.

Für Interessierte, Therapeuten, Forscher:

Basler, H.-D. & Kröner-Herwig, B. (Hrsg.).(1998) Psychologische Therapie bei Kopf- und Rückenschmerzen. 2. aktualisierte Auflage. München, Quintessenz.

Bischoff, C. & Traue, H.C. (2004). Kopfschmerzen. Fortschritte der Psychotherapie, Band 22. Göttingen: Hogrefe.

Heuser, J., Rief, W., Nestoriuc, A.(2006). Kopfschmerz vom Spannungstyp und Migräne. In: Rief, W; Birbaumer, N (Hrsg.). Biofeedback. Grundlagen, Indikationen, Kommunikation, praktisches Vorgehen in der Therapie. Stuttgart: Schattauer.

Nestoriuc, Y. & Martin, A. (2007). Efficacy of biofeedback for migraine: a meta-analysis. Pain, 128, 111-127.

Schandry , R. (2006). Biologische Psychologie. 2. Auflage. Weinheim: Beltz.

Links

Gesellschaften:

Deutsche Gesellschaft für Biofeedback: www.dgbfb.de

Deutsche Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft: www.dmkg.de

Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes: www.dgss.org

Deutsche Gesellschaft für psychologische Schmerztherapie und Forschung: www.dgpsf.de

Selbsthilfeorganisationen:

Migräneliga: www.migraeneliga-deutschland.de

SchmerzSelbstHilfe der Deutschen Schmerzhilfe: www.schmerzselbsthilfe.de

Deutsche Schmerzliga e.V.: www.schmerzliga.de

Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Biofeedback vom Februar 2006: Erstmals hat die wissenschaftliche Fachgesellschaft Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) in ihren Leitlinien zur Behandlung von Migräne der Biofeedbacktherapie eine ebenso hohe Wirksamkeit bescheinigt wie einer medikamentösen Therapie. Gerade Patienten, die unter häufigen Migräne-Attacken leiden, empfiehlt die Fachgesellschaft eine Biofeedbacktherapie.

Bei der Vorstellung der neuen Leitlinien zur Behandlung der Migräne betonte die Fachgesellschaft, dass Vorbeugung und Prävention eine zentrale Bedeutung in der Behandlung einnehmen. Dies gilt insbesondere für Patienten, die häufig unter Migräne leiden: Menschen, die mehr als dreimal pro Monat eine Migräneattacke aushalten müssen oder deren Attacken länger als 72 Stunden dauern oder die schlecht auf eine medikamentöse Akuttherapie ansprechen, können durch vorbeugende Maßnahmen die Häufigkeit der Schmerzanfälle deutlich senken. Verhaltenstherapeutische Strategien wie Biofeedback seien für solche Patienten empfehlenswert.

Die Wirksamkeit, betonte die DMKG sei genauso hoch wie bei einer medikamentösen Therapie. dies konnte durch verschiedene Studien belegt werden. Migräne ist ein anfallsartig auftretender, periodisch wiederkehrender, überwiegend einseitiger Kopfschmerz, der oft mit Übelkeit und Erbrechen einhergehen. In der Bundesrepublik ist Migräne weit verbreitet. Experten gehen davon aus, das etwa 16 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer in Deutschland unter Migräne leiden. Auch Schulkinder sind betroffen: etwa drei Prozent haben regelmäßige Migräneattacken.

Biofeedback ist eine wissenschaftlich anerkannte Therapie, deren Wirksamkeit in zahlreichen großen Studien belegt worden ist. Andere Krankheitsbilder wie Tinnitus, Inkontinenz oder ADHS können mit Biofeedback deutlich gelindert werden.